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Ginger hat den präparierten Duftträger – Spähne eines Asiatischen Laubholzbockkäfers aus dem Jahr 2012 – gefunden.Bild: Sarah Sidler

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Gegen sie haben invasive Baumschädlinge keine Chance

Stefan Rütten, gelernter Forstwart und Baumpflegespezialist, und seine Labradorhündin Ginger suchen im Verdachtsfall nach Asiatischen Laubholzbockkäfern und Citrusbockkäfern. Die invasiven Schädlinge können grossen Schaden an Wäldern und Bäumen anrichten.

Sarah Sidler | Als Ginger realisiert, dass es ums Suchen geht, vergisst die Labradorhündin sogar ihren heiss geliebten Ball. Gebannt schaut sie auf ihren Besitzer und zertifizierten Spürhundeführer Stefan Rütten und wartet auf seinen Befehl. «Such den Käfer», sagt dieser endlich, und die hellbeige Hündin wetzt los. Hin und her flitzt sie durch die Stauden und Bäume der Baumschule Lüscher in Arni (ZH). Mal trägt sie die Schnauze tief am Boden, dann wieder versucht sie, Witterung über die Luft aufzunehmen. Die Rute des Hundes zeigt steil nach oben, was höchste Konzentration bedeutet. Ginger ist ein ausgebildeter Phytospürhund. Diese werden eingesetzt, um invasive und gefährliche Schädlinge zu lokalisieren und einzugrenzen. Das können Pilze, Erreger von Pflanzenkrankheiten oder sonstige Schadorganismen sein. In Aesch (ZH) sucht die fünfjährige Hündin zu Trainingszwecken nach einem Duftträger, gefüllt mit Spänen, welche der Asiatische Laubholzbockkäfer durch seinen Befall in Winterthur (ZH) 2012 verursacht hat.

Ihr Besitzer, Stefan Rütten, gelernter Forstwart und Baumpflegespezialist, koordinierte den damaligen Einsatz in Winter-
thur gegen den Freilandbefall bis 2016. Jeder Baum auf einer Fläche von 150 ha wurde viermal abgesucht: zweimal von Hunden am Boden und zweimal von Baumpflegern in der Krone. Letztere untersuchten jeden Ast. Ein Befall ist bei Astmaterial ab einem Durchmesser von rund 2 cm möglich. Heute ist der Bestand befallsfrei. Doch da in einem Gehölzsaum bei Marly (FR) der Asiatische Laubholzbockkäfer zehn Jahre nach einem Befall wieder aufgetaucht ist, wird in diesem Mai auch der Winter-
thurer Wald vom Team Phyto Spürhunde Schweiz sicherheitshalber nochmals unter die Lupe genommen. Stefan Rütten und Ginger sind Teil davon. Neben kantonalen Pflanzenschutzdiensten zählen Gärtnereien und Baumschulen zu ihren Auftraggebern. Ein Teil des Teams ist zudem oft in Frankreich unterwegs.

Der Asiatische Laubholzbockkäfer ist ein gefährlicher Schädling, der aus Ostasien eingeschleppt wurde. In der Schweiz wurde er erstmals 2011 nachgewiesen. Der gemäss der Schweizer Pflanzengesundheitsverordnung besonders gefährliche Schadorganismus befällt verschiedene Laubholzarten. Seine Larven können innerhalb weniger Jahre ganze Baumbestände zum Absterben bringen. Die wirtschaftlichen und ökologischen Schäden für betroffene Gebiete sind hoch. Es besteht deshalb eine Melde- und Bekämpfungspflicht.

Auf zwei Käferarten spezialisiert

Zurück in die Baumschule in Arni. Obwohl das gut eingespielte Team nur trainiert, geht Stefan Rütten wie im Ernstfall vor. Bevor es losgeht, montiert er der aufmerksamen Hündin ein leuchtoranges Halsband mit der Aufschrift «Phytospürhund». Er zieht eine Weste derselben Farbe an. Der Spürhundeführer testet die Windrichtung. «Für den Hund ist die Arbeit einfacher bei Gegenwind als bei Rückenwind. Gehen wir gegen ihn, kann er eine grosse Hilfe sein, wie es sich in einem jüngst absolvierten Einsatz im deutschen Magdeburg zeigte», sagt er. Zwölfmal jährlich trainiert das Team Phyto Spürhunde Schweiz den Ernstfall. Es besteht aus acht Spürhundeführern und -führerinnen und zwölf zertifizierten Hunden sowie einem Junghund in Ausbildung. Neben dem Asiatische Laubholzbockkäfer und dem Citrusbockkäfer ist das Team offen für die Suche nach neuen invasiven Schädlingen.

Rüttens vierjährige Hündin Ginger hat derweil den «befallenen» Baum gefunden. Immer enger werden ihre Kreise um den mit dem Duftträger bestückten Baum. Um den Geruch möglichst gut orten zu können, steigt sie dem Stamm entlang auf die Hinterbeine und schnuppert intensiv mit hoher Atemfrequenz. Dann legt sie sich plötzlich hin, ist ganz still und schaut gebannt auf ihren Besitzer: das Zeichen, dass sie das Gesuchte gefunden hat. Dieser lobt sie überschwänglich und beginnt sofort, mit ihr zu spielen. «Sie liebt den Ball. Wenn sie nach dem Suchen damit spielen darf, ist das ihre grösste Belohnung», weiss der selbstständig Erwerbende im Bereich Fachbaubegleitung und Baumschutz auf Baustellen.

Die Spürhundearbeit bedeutet für Ginger höchste Konzentration. Länger als 15 Minuten am Stück ist sie nie im Einsatz. In der Pause sind für sie Ruhe, Schatten und Wasser essenziell. Da die Spürhundeführer des Teams Phyto Spürhunde Schweiz immer zu zweit unterwegs sind, käme jetzt im Ernstfall der zweite Hund zum Suchen. Stefan Rütten wäre nun Buddy. Das heisst, er sichert das Gelände und arbeitet im Vieraugenprinzip mit. «Meist machen Menschen die Fehler, nicht die Hunde.» Wie auch die Tiere durchlaufen ihre Führer eine längere Ausbildung. Letztere müssen beispielsweise verschiedene Pflanzen und Käfer kennen und bestimmen können. 

Vorbereiten gegen Xylella fastidiosa   

Sind Bäume von den invasiven Schädlingen betroffen, werden sie im Baumkataster eingetragen und müssen gefällt werden. Jedes befallene Gehölz – aber auch befallene Holzprodukte wie Lattenkisten, Paletten oder Brennholz – muss umgehend vernichtet werden. Das Vernichten muss durch Häckseln und/oder Verbrennen erfolgen. Allerdings sollten die Hölzer vorher unbedingt auf Befallspuren untersucht werden, um die Historie möglichst vollständig erfassen zu können, so waldwissen.net. Weiter sei es wichtig, einen Befallsherd möglichst frühzeitig zu erkennen. Da der Asiatische Laubholzbockkäfer ein träger Flieger sei und für seine Entwicklung im Holz rund zwei Jahre benötige, bestehe die berechtigte Hoffnung, dass kleinere Befallsherde getilgt werden könnten. Die Umgebung eines Freilandbefalls muss intensiv auf weitere Käferspuren abgesucht werden. Erst, wenn an einem Befallsort mindestens zwei Generationen hintereinander keine Tiere oder Symptome mehr festgestellt werden, gilt der Befall als getilgt.

Doch nicht nur die Käfer, auch das Feuerbakterium Xylella fastidiosa kann grossen Schaden anrichten. Dieses befällt rund 400 Pflanzenarten und ist eines der gefährlichsten Bakterien für die Land- und Forstwirtschaft. Es ist für das Absterben eines Grossteils der Olivenbäume in Ita­lien verantwortlich. Stefan Rütten und sein Team arbeiten derzeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) daran, einen mit dem Bakterium identischen Geruchsstoff zu entwickeln, um die Hunde für die Suche danach zu trainieren. Zur Fortführung des Projekts werden Sponsoren gesucht. Der Spührhundeführer ist davon überzeugt, dass Ginger auch diesen Schädling finden wird. Wer sie auf der Suche nach den 14 Jahre alten Spuren des Asiatischen Laubholzbockkäfers gesehen hat, glaubt ihm sofort.

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