Home Termine / AktuellesAktuelles SELVA

Im Val Leggia gedeihen auf 1300 m ü. M. Buchen als Stockausschläge. Ihr Holz wurde vor 80 Jahren für Kohle geschlagen.Bilder: Luca Plozza

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Maximale Waldvielfalt im Naturwaldreservat Val Cama-Val Leggia

Im Misox befinden sich auf einer Fläche von rund 1600 ha 26 verschiedene Waldgesellschaften. Diese liegen in einem Naturwaldreservat sowie einem Sonderwaldreservat. Während 50 Jahren wird dort beobachtet, wie sich Gebirgswälder ohne menschliche Pflege entwickeln.

Sarah Sidler | Wer das Waldreservat Val Cama-Val Leggia im südlichen Misox entdecken will, hat dafür nur eine Möglichkeit – und die ist zu Fuss. Die Wege sind steil, und um Einblick in die maximale Waldvielfalt zu erhalten, ist mindestens eine Tageswanderung nötig. Doch die rund 1800 Höhenmeter lohnen sich. Bereits wenige Kilometer nach dem Start im Weiler Ogreda bei Cama (GR) wechselt die Waldgesellschaft bereits zum ersten Mal. Nach Kastanienselven folgen im Val Cama ein Tannen-Buchen-Wald – der mit seinen grossen Steinen aussieht wie ein Märchenwald – gefolgt von Fichten. Bei der Waldgrenze warten Lärchen und seltene Legföhrenbestände. «Es kommen in diesem Naturwaldreservat jedoch auch südalpine Ulmen-Ahorn-Wälder, alpine Alpenrosen-Bergföhren-Wälder und rare Winterlinden-Hopfenbuchen-Wälder vor», sagt Luca Plozza, Regionalforstingenieur Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden. Die Vielfalt der Waldgesellschaften basiert auf verschiedenen natürlichen Voraussetzungen. Zum einen begünstigen verschiedene Bodentypen und Gesteinsarten die Vielfalt. Zum anderen die Ausrichtungen der Hänge in alle Himmelsrichtungen und die unterschiedliche Höhe – das Naturwaldreservat erstreckt sich zwischen 400 und 2200 m ü. M. Die Vegetationsunterschiede vom Fuss des Waldreservates bis zum höchsten Punkt auf dem Gipfel Il Pizzet sind in diesem Gebiet schweizweit einmalig.

Veränderung in den Bergen braucht Zeit

Das Waldreservat Val Cama-Val Leggia wurde 2008 von den umliegenden Gemeinden, dem Kanton Graubünden sowie Pro Natura gegründet. Luca Plozza war von Beginn an in das Projekt involviert. Während insgesamt 50 Jahren wird im Naturwaldreservat auf jegliche Waldnutzung verzichtet. Um die Waldweiden und damit eine Bewirtschaftung der Alpe Cama weiterhin zu ermöglichen, wurde dort ein Sonderwaldreservat geschaffen, wo gezielte Eingriffe möglich sind.

«Wir wollten die Reservate, um die Biodiversität zu fördern, eine natürliche Waldentwicklung zuzulassen und um forstwirtschaftliche Erkenntnisse zu sammeln», sagt Luca Plozza. «Hier können wir beobachten, wie sich verschiedenste Gebirgswälder ohne menschliche Pflege verändern.» Wird der Wald nach 50 Jahren noch stabil sein? Obwohl die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) das Gebiet seit 2008 bereits zweimal mittels vom Bund unterstützten Monitorings unter die Lupe genommen hat, konnten noch keine grossen Veränderungen festgestellt werden. Nur folgendes Szenario sagten sie bereits vor rund 20 Jahren voraus: Die Waldgrenze steigt, die Höhenstufen der Vegetation verschieben sich, und ihre Zusammensetzung verändert sich – nicht zuletzt durch Einwanderung exotischer Arten. Wo heute Buchen wachsen, können morgen Eichen stehen. Buchen könnten sich in Regionen ausbreiten, in denen heute vorwiegend Nadelbäume wachsen, ist in der Broschüre «Val Cama-Val Leggia – Wo der Wald tausend Gesichter hat» über das Naturschutzgebiet von Pro Natura aus dem Jahr 2010 zu lesen.

Bis Veränderungen im Reservat sichtbar werden, müsse man wohl noch Jahrzehnte warten. Luca Plozza führt dies auf verschiedene Gründe zurück: «Dieses Gebiet wird seit 1945 nicht mehr bewirtschaftet und ist daher bereits sehr naturnah.» Im Gebirge vollziehen sich Veränderungen nur langsam. Was jedoch bereits heute ins Auge sticht, seien die Murgänge aus dem Jahr 2024 im Val Cama, so der Regionalforstingenieur. «Diese Unwetterschäden sind sehr imposant und haben mich erstaunt.» Auch diese Erdrutsche wie die offenen Schuttflächen, Steine und Felsen im Gebiet sind Teile der Diversität dieses grossen Reservats.

Hohe Biodiversität dank Alpbewirtschaftung

Luca Plozza ist etwa zweimal pro Jahr dort. «Wer den Wald als Ziel hat, dem empfehle ich, beide Täler zu durchwandern.» Das Val Leggia ist steil und anspruchsvoll und eignet sich daher, ausgehend vom Weiler Tec bei Leggia, besser für den Aufstieg. Zu Beginn durchquert man Kastanienselven, die noch von Ziegen beweidet werden, da sie sich noch nicht im Reservat befinden. Sobald der Hang steiler und steiniger wird, werden die Kastanien von Eichen verdrängt, denn diese vermögen kargen, felsigen und trockenen Boden zu besiedeln. Der grosse Eichengürtel ändert sich schlagartig in einen schattigen Buchenwald. Dafür verantwortlich sind laut der Broschüre die unterschiedliche Neigung und Ausrichtung des Hangs, die zunehmende Höhe sowie Änderungen in Mächtigkeit, Aufbau und Feuchtigkeit des Bodens. Dann folgen Buchen- sowie Buchen-Tannen-Wälder. Sowohl im Val Leggia wie auch im Val Cama kommen dann Weisstannen-Lärchen-Wälder, gefolgt
von subalpinen Fichten und zuoberst
Lärchen, vor.

Luca Plozza empfiehlt, in einer der Hütten im Gebiet oder bei den Bergbauern auf der Alp de Lag, idyllisch an einem Bergsee gelegen, zu übernachten. Dort, mitten in traumhafter Natur, sorgen Ziegen und Kühe dafür, dass die Alpweiden nicht vom Wald eingenommen werden. Durch die Alpbewirtschaftung bleibt ein kleinräumiges und gut verzahntes Mosaik von Wald und Weiden bestehen – ein vielfältiger Lebensraum, der die Biodiversität fördert.

Alte Kastanienbäume werden erhalten

Um die alten Kastanienbäume in der einzigen Kastanienselve im Sonderwaldreservat in Provesch Val Cama auf ca. 800 m ü. M. zu erhalten, werden sie vom Forst extensiv gepflegt. «Wenn nötig, führen wir Kronenschnitte durch oder schneiden sie frei», sagt Luca Plozza. Aus finanziellen Gründen werden jedoch nur sehr wenige Eingriffe getätigt. Vom Borkenkäfer betroffene Fichten etwa werden stehen gelassen, ganz im Sinn des Prozessschutzes. Der Borkenkäfer habe in diesen sehr natürlichen Mischwäldern sowieso seine liebe Mühe, so der Regionalforstingenieur. Bis jetzt gibt es keine besonderen Probleme durch Krankheiten oder Käfer. Auch invasive Neophyten seien im Naturwaldreservat kein Problem. Es kämen nur einige Robinien darin vor. Doch wenn der Götterbaum käme, dann würde das die Waldgesellschaften stark verändern. Noch sei dieser jedoch nicht in Sicht.

Immer am Puls des Waldes: Wald und Holz jetzt abonnieren

ähnliche News aus dem Wald