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Mit dem Einsatz von Drohnen mit Wärmebildkameras werden Rehkitze in Wiesen gesucht, um sie vor dem qualvollen Mähtod zu retten.Bilder: zvg

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

«Unser Ablauf zur Rettung der Rehkitze ist voll digitalisiert»

Die IG Rehkitzrettung Uri unterstützt die Urner Wildhut und Landwirte dabei, Rehkitze vor dem qualvollem Tod durch Vermähen zu schützen. Dank Wärmebilddrohnen und viel Engagement werden die Tiere selbst in schwierigem Gelände gefunden.

Sarah Sidler | Es sind intensive Wochen für die IG Rehkitzrettung (RKR) Uri: Jeweils zwischen Ende April und Mitte Juli sind Wildhüter Urs Herger mit Arbeitskollegen und rund 70 Freiwillige regelmässig ab 3.30 Uhr morgens im Einsatz. Seit 2023 unterstützt der operative Leiter der IG mit seinem Team Landwirte und die Wildhut bei der Suche nach Rehkitzen in Wiesen mittels Einsatzes von Drohnen mit Wärmebildkamera. «In diesen zweieinhalb Monaten bin ich jeweils rund 30 Tage für die Rehkitzrettung unterwegs», sagt er. Da diese Tätigkeit zum Auftrag der Wildhut gehört, unterstützt das Amt für Forst und Jagd in Uri diesen Dienst an die Landwirte und den Tierschutz.

Die Gefahr, dass Rehkitze während des Mähens von Mähmaschinen verletzt oder gar getötet werden, ist gross. Um sie vor Fressfeinden zu schützen, werden sie von Klein auf von ihrer Mutter vielfach im hohen Gras versteckt. Bei der Geburt wiegt ein Kitz etwa ein Kilogramm. Ohne Hilfsmittel sind sie quasi unauffindbar. Oft gebärt die Rehgeiss zwei Junge und lässt sie versetzt im hohen Gras zurück. So steigt die Überlebensrate. Doch bei drohender Gefahr, etwa durch die Mähmaschine, drücken sich die Jungtiere nur noch mehr ins tiefe Gras. So kommt es immer wieder vor, dass Rehkitze in Wiesen, die vorher nicht abgesucht worden sind, von Mähmaschinen tödlich verletzt werden und qualvoll verenden. Der Einsatz von Menschen und Drohne ist nötig, da die Kitze in ihren ersten Wochen sehr schlecht vor Gefahren flüchten können und zum Schutz vor Prädatoren geruchsneutral sind – kein Hund könnte sie finden.

Da Urs Herger miterleben musste, wie Kitze vermäht worden sind, setzt er sich seit 2018 nebst der Traditionellen Methode für die Rettung mittels modernster Technik ein. Bevor es möglich war, die Jungtiere mittels Drohnen mit Wärmebildkameras zu suchen, wurden am Vorabend des Mähens weisse Tücher, helle Futtersäcke oder Baustellenlampen aufgehängt, um die Rehgeisse in Alarmbereitschaft zu versetzen, sodass sie ihre Jungen in der Nacht aus der Wiese holte. Sind alle Drohnen besetzt, wird im Kanton Uri heute noch so vorgegangen. Doch: «Die fehlende Erfolgskontrolle ist unbefriedigend», konstantiert Urs Herger.

Jeder Einsatz wird minutiös vorbereitet

So tat sich der Wildhüter, kurz nachdem er zum ersten Mal von Rehkitzrettungen mittels Drohnen gehört hat, mit Studenten der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW zusammen, um ein Pilotprojekt ins Leben zu rufen. 2019 fanden erste Testversuche mit Wärmebilddrohnen im Kanton Uri statt. Heute fliegen 20 freiwillige Drohnenpiloten abwechselnd die fünf Drohnen, Model Typ DJI Matrice 4 T, für die IG RKR Uri. «Mit dieser Methode finden wir 99% aller Kitze», sagt Urs Herger. 2025 wurden an 31 Arbeitstagen 344 Felder abgesucht, 121 Rehkitze konnten gerettet werden. Es melden sich immer mehr Bauern, um den ehrenamtlichen Dienst in Anspruch zu nehmen.

Insgesamt kann Urs Herger derzeit auf rund 70 Freiwillige zurückgreifen, welche die Felder absuchen und die Kitze in Sicherheit bringen. Die Programmierung der Felder für die Rehkitzrettung ist eine Herkulesaufgabe, unter anderem, da der Kanton sehr verschachtelt ist. Ein nicht unwesentlicher Teil der rund 500 Felder misst weniger als 3 ha und liegt in unwegsamen Geländen. Dazu kommt, dass die Landwirte oft im selben Zeitraum mähen – wenn es warm und trocken ist. Um eine effektive Koordination sowie einen reibungslosen Ablauf gewährleisten zu können, setzte die operative Leitung der IG RKR schon früh auf Digitalisierung. «Dies macht unsere Rehkitzrettung wohl einzigartig», sagt Urs Herger. So können die Freiwilligen ihre Verfügbarkeit etwa mittels QR-Codes auf einer extra konzipierten Maske eintragen. Landwirte haben bis am Vortag um 17 Uhr die Möglichkeit, online oder telefonisch zu melden, wo sie mähen, damit die Freiwilligen ihre Felder absuchen. Die IG Rehkitzrettung Uri verwendet die Webapplikation UAV Editor. Mit diesem Schweizer-Produkt lassen sich Felder anmelden, Wegpunkte für Drohnenflüge generieren, KP-Index auslesen und die Dateien für den Export auf die Wärmebilddrohne erstellen. «Jeder Einsatz wird von uns minutiös vorbereitet», sagt Urs Herger. Das gibt einiges zu tun. So muss auch die nahe Helikopterbasis über jeden Flug informiert, das Wetter im Auge behalten und sichergestellt werden, dass die geretteten Rehkitze wieder freigelassen werden. Über jeden Einsatz wird online Statistik geführt.

Rehkitze werden markiert

Aber alles der Reihe nach: Wenn ein Einsatz ansteht, treffen sich jeweils vier Freiwillige zwischen 3.30 und 5 Uhr morgens in der Drohnenbasis in Erstfeld (UR). Um den Wärmeunterschied zwischen Kitz und Wiese klar zu sehen, muss vor Sonnenaufgang geflogen werden. Jedes Team besteht aus einem Drohnenpiloten, einem Helfer-Pilot und zwei Helfenden. Alle wissen genau, was zu tun ist: Während der Pilot die Drohne steuert, überwacht der Helfer-Pilot ein externer Monitor. So kann nach dem Vieraugenprinzip gearbeitet werden. Haben die Piloten ein Kitz mittels der Drohne erspäht, lotsen sie die Helfenden mittels Walkie-Talkies zum Tier. Während Helfer eins das Kitz mit einem grossen Kescher im Gras hält, setzt Helfer zwei es mit dicken Grasbüscheln in den Händen in den mitgebrachten Holzharass. Dort wird es – falls möglich – von der Wildhut für Forschungszwecke für das Projekt Wildtier Schweiz mit Ohrmarken versehen. Die Kitze dürfen dabei nicht direkt berührt werden. Riechen sie nach Menschen, kann es sein, dass sie von der Mutter nicht mehr angenommen werden.

Das Kitz wird während der Zeit des Mähens unter dem Harass am nächsten Waldrand gesichtert, sodass es nicht in die Wiese zurückspringt. Dort kann es nach der Freilassung sofort wieder in Deckung gehen. Nur wenn sich ein Kitz wild gebärdet– was bei Älteren vorkommen kann – wird der Harass in der Wiese gelassen. So verringert sich die Gefahr, dass das Jungtier entwischt. Egal, ob der Harass auf der Wiese bleibt oder zum Wald getragen wird: Stets markieren ihn die Retter und sichern ihn gut. «Ich habe schon mehrmals miterlebt, wie Rehmütter Scheinangriffe starteten und versuchten, ihre Jungen aus dem Harass zu befreien», berichtet der Wildhüter. Dann werden Landwirt oder die Einsatzzentrale über die gefundenen Kitze und deren Standorte informiert, damit sie nach dem Mähen möglichst rasch wieder freigelassen werden. Bei der Freilassung müssen sich anwesende Personen sofort zurückziehen. Kehrt Ruhe ein, holt die Mutter ihr Rehkitz ab. Eigentlich dürften nur Jäger und Wildhüter Kitze händigen. Damit die Helfenden im Kanton Uri fachgerecht vorgehen, haben sie eine Ausbildung absolviert. Zwischen 7 und 8 Uhr sind die Einsätze zu Ende. Für viele Freiwillige beginnt der Arbeitstag. «Unser Team topmotiviert. Es besteht aus den unterschiedlichsten Menschen – Naturschützer, Drohnenfreaks, Jägern
und Wildhut. Die Rehkitze bringen sie zusammen und fördern den Austausch zwischen diesen Gruppen.»

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