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Die Gruppe Bosco des Discherheims in Solothurn hält sich im Wald rund um ein ehemaliges Forsthaus auf.Bilder: Lucilia Mendes von Däniken

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Projekt Bosco – wo sich viel Raum und Nähe gut ergänzen

Am Waldrand von Rüttenen (SO) wurde ein Platz geschaffen, wo Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung endlich ihren Platz und ihre Aufgabe finden. Leiter Lucien Möri gewährt einen Einblick in ein Betreuungsprogramm, das von der Kraft des Waldes profitiert.

Lucilia Mendes von Däniken* | Es ist ein sonniger Frühlingstag Anfang März, die Sträucher zeigen erste Blätter und Blüten, die Vögel zwitschern, und es riecht nach Bärlauch. Waldrandidylle beim Forsthaus in Rüttenen (SO). Rund um das Haus sind verschiedene Grüppchen am Werk. Die Stimmung ist friedlich – was nicht selbstverständlich ist. «Es ist gut möglich, dass es von einer Sekunde auf die andere eskaliert», warnt Lucien Möri, der die Situation vor Ort bestens kennt. Lucien Möri ist Leiter der Gruppe Bosco, einer spezialisierten Tagesstruktur des Discherheims in Solothurn. Beim Discherheim handelt es sich um eine Stiftung, die sich um die Bedürfnisse von Erwachsenen mit einer kognitiven Beeinträchtigung kümmert: «Die Menschen, die bei Bosco mitmachen, haben bisher in keiner anderen Betreuungsform ihren Platz gefunden und schon eine ziemliche Odyssee hinter sich.» Wer beim Projekt Bosco einen Platz erhält, wird einerseits durch Vorgaben des Kantons, aber auch im persönlichen Gespräch mit Betreuenden, Klienten und deren Umfeld definiert.

Ein Betreuerteam bestehend aus sechs Personen begleitet wochentags täglich neun Klienten in den Wald, und zwar bei jedem Wetter ausser Sturm. Einige legen den fast fünf Kilometer langen Weg zum Waldplatz morgens um halb neun zu Fuss zurück, andere fahren mit dem Kleinbus. Allein schon der Weg in den Wald ist eine Herausforderung, aber wichtig: «Bei Bosco erhalten unsere Klienten, aktuell sind nur Männer im Programm, einerseits mehr Raum, aber auch eine engere Begleitung.»

So sieht man die Klienten im 1:1-Setting mit einer Betreuungsperson oder auch im Team bei der Arbeit oder einfach beim Im-Wald-Sein. Auf dem Kiesplatz wird in der Waldküche das Mittagessen vorbereitet, jemand ist mit einem Korb unterwegs, um Tannenzapfen zu sammeln. Ein anderer sägt einen dicken Ast entzwei, und ein Dritter hackt Feuerholz. Säge, Axt, Feuer – alles Dinge, die nicht ganz gefahrlos sind für Menschen, die innert Sekunden die Kontrolle über sich verlieren können. «Das stimmt, aber unser Team ist gut geschult und kennt die Klienten genau», sagt Lucien Möri. Das Bosco-Team ist seit zehn Jahren sehr stabil. Was in einem solch fordernden Umfeld nicht selbstverständlich sei, wie er einräumt. Aber: «Wir haben hier ein gutes Arbeitsklima und vertrauen einander.» Jeder spüre, wenn ein Kollege oder eine Kollegin Hilfe brauche – oder umgekehrt, wo er im Notfall Unterstützung finde.

Nicht alles ist planbar

Trotzdem gibt es Momente, in denen ein Klient kaum zu beruhigen ist. «Da kommt es schon vor, dass wir ihm im Wald oder im Forsthaus eine kleine Auszeit auferlegen müssen», erklärt Lucien Möri. Die ganze Anlage ist so aufgebaut, dass es überall abgetrennte Bereiche gibt: «Es gibt Kombinationen von Menschen, die manchmal nicht funktionieren. Da sind Trennwände oder nur schon ein Vorhang hilfreich.» Aus­serdem gehen die Betreuer regelmässig mit den Klienten auf Spaziergänge oder lassen sie selbstständig handwerkliche Arbeiten erledigen.

Aktuell sitzt einer der Klienten ruhig in seinem von Hand angefertigten Stuhl, und ein anderer liegt auf einer Sitzbank. Der Besuch macht aber neugierig, und Lucien Möri beantwortet geduldig die vielen Fragen seiner Klienten, sagt aber auch mal: «Warte kurz, ich komme später vorbei, um zu plaudern.» Erzählt Lucien Möri von Bosco, tut er das mit einem gewissen Stolz: «Was wir hier machen, ist ein aussergewöhnliches Angebot, welches sich nicht alle Institutionen leisten können. Und trotzdem: Auch wir möchten noch mehr Menschen den Zugang zu Bosco ermöglichen. Wir stossen aber sowohl von der Komplexität als auch von der Kapazität her an unsere Grenzen.»

Stolz ist er aber nicht nur, weil das Bosco-­Angebot seit zehn Jahren erfolgreich angeboten wird. Er freut sich auch über die erzielten Resultate und Fortschritte: «Einer unserer Klienten ist inzwischen so weit, dass er allein Feuer machen und für die ganze Gruppe ohne grosse zusätzliche Unterstützung Teigwaren mit Sauce kochen kann. Das beweist, dass Selbstständigkeit auch für diese Menschen möglich ist – wenn man ihnen entsprechenden Freiraum gewährt.»

Gutes Verhältnis zu den Nachbarn

Der Standort von Bosco sei ein Glücksfall, sagt Lucien Möri. Die Bürgergemeinde Rüttenen hatte nach der 2005 erfolgten Zusammenlegung der Forstbetriebe im Bezirk zum Forstbetrieb Leberberg keine Verwendung mehr für ihren Forstwerkhof: «Zur selben Zeit waren wir auf der Suche nach einem geeigneten Platz für unser Projekt.» Man habe sich getroffen, diskutiert und sei auf offene Ohren und viel Verständnis gestossen: «Wir pflegen ein sehr einvernehmliches Verhältnis sowohl zur Bürgergemeinde als auch zum Leiter des Forstbetriebs Leberberg.» Das sei sehr wertvoll: «Es wird auch mal ein Auge zugedrückt.»

So durfte sich das Bosco-Team nicht nur rund um das Forsthaus einrichten, sondern im Innern des Hauses befinden sich nun ein Aufenthaltsraum, Werkbänke sowie Arbeits- und Ruhezonen. Draussen sind neben der Küche und einem Holzverarbeitungsplatz auch Arbeitstische sowie im Wald ein paar Hütten zu finden.

Doch nicht nur die gute Beziehung zu den Besitzern des Hauses und den Betreibern sei wichtig, sondern vor allem auch das gute Verhältnis zu den Nachbarn sowie zu den Spaziergängern. «Es kommt schon mal vor, dass einer unserer Klienten plötzlich bei einem Nachbarn auf dem Grundstück steht oder dass Spaziergänger erleben, wie es hier auch mal laut werden kann.» Aber das Verständnis sei gross, und es komme auch vor, dass ein Landwirt aus der Umgebung mal ein Glas Honig oder sonst etwas für die Gruppe bringe. Und auch Spaziergänger blieben manchmal auf einen kurzen Schwatz stehen oder brächten ein Pack Chrömli fürs Zvieri.

Frustpotenzial minimieren und erkennen

Grundsätzlich sei aber vor allem wichtig, den Bosco-Alltag so zu strukturieren, dass Regelmässigkeiten den Klienten Sicherheit gäben: «Manche Aufgaben gehören so logisch zum Tagesablauf, dass wir sie gar nicht mehr erklären müssen.» Aber es brauche auch die nötige Flexibilität, um auf Unerwartetes reagieren zu können. Zeitdruck sei zum Beispiel zu vermeiden, da dieser Frustpotenzial in sich berge. Und was ebenfalls sehr wichtig ist: «Das Material und vor allem die Kleidung müssen einiges aushalten. Schon nach ein paar Minuten nasse Socken zu haben, kann den ganzen Tag vermiesen.»

Der Bosco-Tag ist aber noch nicht zu Ende, wenn gegen 16 Uhr alle wieder zurück in der Wohngruppe oder im Discherheim sind. «Das Betreuerteam kommt immer nochmals zusammen und blickt zurück. Das ist besonders wichtig, wenn etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Nicht jeder Tag endet mit einem Lächeln.» Indem man reflektiere und Lehren daraus ziehe, sei es möglich, auch am kommenden Tag wieder mit einem guten Gefühl in den Wald zu gehen: «Aber es ist schon erstaunlich, wie allein dadurch, dass man im Wald ist, oft aus einer Unstimmigkeit innert kürzester Zeit wieder ein gutes Gefühl wird.»

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