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Auf dem Friedhof Hönggerberg in Zürich gedeihen Krokusse unter einer Flügelnuss.Bild: Grün Stadt Zürich

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Nicht nur Stille und Gedenken, sondern auch hohe Biodiversität

Friedhöfe waren und sind Orte des Trauerns und des Gedenkens. Daneben sind sie heute für viele Menschen auch ruhige Naherholungsräume. Und sie haben sich zu Oasen der Biodiversität im Siedlungsraum sowie zu Schatzkammern mit alten Baumbeständen entwickelt.

Susanne Stettler* | In den vergangenen Jahren hat sich die Wahrnehmung von Friedhöfen stark gewandelt. Einst Orte, die vornehmlich mit düsteren Adjektiven beschrieben wurden, sind sie heute zu regelrechten Naherholungsgebieten geworden. Das ist auch eine Folge der Covid-19-Pandemie. Als diese Anfang 2020 Europa erreichte und tiefgreifende Einschränkungen zur Folge hatte, entdeckten viele Menschen die Natur und die Ruhe (wieder). Und sie suchten nach Orten, an denen sie Menschenansammlungen aus dem Weg gehen konnten. Deshalb waren in dieser Zeit auf Begräbnisstätten vermehrt Spaziergänger und Joggerinnen unterwegs. Viele nutzten auch vorhandene Bänke, um sich auszuruhen oder um zu lesen.

Auch heute erfreuen sich Friedhöfe als Orte der Ruhe und der Natur nach wie vor grosser Beliebtheit. Teilweise sind sie weit über 100 Jahre alt, weshalb sich in ihnen ebenso alter Baumbestand findet. Und nicht nur das. «Friedhöfe sind heute echte Hotspots der Biodiversität», sagt Stefan Brunner, Produkteverantwortlicher Friedhöfe von Grün Stadt Zürich. «Sie bieten Tieren und Pflanzen Rückzugsräume und wirken als Trittsteine zwischen anderen Grünflächen. Je naturnaher wir Friedhöfe gestalten, desto mehr Arten finden hier Nahrung, Schutz und Brutplätze. Sie sind also wertvolle Biotope mitten in der Stadt.» Grün Stadt Zürich betreut 19 städtische Friedhöfe – vom 28 Hektar grossen Friedhof Sihlfeld bis zu kleinen Quartierfriedhöfen. Insgesamt erstrecken diese sich über eine Fläche von rund 130 Hektaren und machen etwa 8,5 Prozent der Grünflächen (ohne Wald) des Siedlungsgebiets der Limmatstadt aus.

Im Kanton Basel-Stadt gibt es fünf aktive Friedhöfe. Emanuel Trueb, Leiter Stadtgärtnerei Basel, und sein Team kümmern sich um die beiden Friedhöfe der Stadt Basel. Darunter den Friedhof am Hörnli, die mit nicht ganz 50 000 Gräbern und 54 Hektaren Fläche grösste zusammenhängende Ruhestätte der Schweiz. «Sie sind sehr wichtig für die urbane Artenvielfalt. Zählt man die sechs aufgehobenen und zu Parkanlagen umgewandelten Friedhöfe mit dazu, so gelten diese Orte als Bereiche von ausserordentlicher Bedeutung für die Biodiversität im Sinne des Arten-, Natur- und Landschaftsschutzes», erklärt Emanuel Trueb. «Darüber hinaus sind es Oasen der Biodiversität für die Kulturvarietäten. Das sind zum Beispiel Gehölze, die ursprünglich aus Baumschulen stammen und die es heute nicht mehr gibt. Pflanzen also, deren genetische Herkunft nicht mehr nachverfolgt werden kann.» Folgerichtig wurde das Hörnli vor einigen Jahren ins Inventar der schützenswerten Naturobjekte des Kantons Basel-Stadt aufgenommen.

Sehr alte Bäume bevorzugt

«Friedhöfe können ökologisch äusserst wertvoll sein. Das zeigen viele Studien zur Artenvielfalt in europäischen Friedhöfen», bestätigt Biologin Agneta Heuman von Pro Natura. Wie wertvoll eine Bestattungsstätte für die Biodiversität ist, hängt von vielen Faktoren ab: Typ (Waldfriedhof oder kleiner, städtischer Friedhof), Lage (Dorfzentrum, Stadtrand, Stadtmitte), Grösse, Alter, Gestaltung, Pflege, Besucher- und Erschliessungsdichte. Besonders grosses ökologisches Potenzial haben alte, weitläufige Friedhöfe. Agneta Heuman: «So wachsen auf ihnen zum Teil Bäume, die häufig älter sind als jene in unseren Wirtschaftswäldern. Erst 200 oder mehr Jahre alte Bäume mit ihren Hohlräumen, Stammhöhlen, rauen Borken oder mit Totholz am Stamm bieten Lebensraum für Insekten, Flechten, Fledermäuse, Vögel oder Pilze.» Zahlreiche Arten seien sogar angewiesen auf alte Bäume: So suche das Weibchen des Grossen-Eichenbock-Käfers alte Eichen, um ihre Eier in Rindenspalten zu legen, während das Weibchen des Grossen Lindenprachtkäfers hierfür alte Linden bevorzuge.

Die Zürcher Friedhöfe beherbergen rund 9700 Bäume, von denen viele sehr alt sind. Stefan Brunner: «Diese Altbäume sind ökologisch enorm wertvoll: Sie bieten Lebensraum für Vögel, Insekten und Fledermäuse, kühlen das Stadtklima, verbessern die Luftqualität. Gleichzeitig prägen sie die würdige Atmosphäre der Friedhöfe und sind echte Zeitzeugen.»

Die ältesten Bäume auf dem 1872 eröffneten Basler Wolfsgottesacker stammen aus dessen Gründerzeit. «Da sind zunächst Linden und Rosskastanien, aber auch sehr viele Kulturvarietäten zu finden, ebenso Blütensträucher wie Schneeball, Flieder, Weissdorn, Liguster und Hartriegel. Das Hörnli wurde 1932 in Betrieb genommen, die Gehölzstrukturen gehen also auf diese Zeit zurück», erklärt Emanuel Trueb. «Da sind zunächst die Krim-Linden-Alleen und die waldähnlichen Gehölzstreifen als raumbildende Strukturen zu nennen. In den Wäldchen sind nahezu sämtliche Baumarten zu finden, die auch in den benachbarten Wäldern vorkommen: Rot- und Hagebuchen, Eichen, Eschen, Ahornarten, Föhren, Eiben und Vogelkirschen. Hinzu kommen neben Sträuchern aller Art sehr viele Kulturvarietäten und Baumarten, wie sie in Parkanlagen und Gärten verwendet werden: Tulpenbäume, Zierkirschen, Magnolien, Blaseneschen und viele mehr.» Ganz ähnlich präsentiert sich das Bild auf den ehemaligen Basler Friedhöfen, die heute als Parkanlagen genutzt werden – allein bei den Gehölzen können über 400 Arten nachgewiesen werden.

Das Alter der Friedhöfe spielt jedoch nicht nur in Sachen Baumbestand eine wichtige Rolle. «Diese Anlagen sind zum Teil über mehr als hundert Jahre gewachsen, weisen alte Bausubstanz wie Trockenmauern und Natursteinwände auf sowie alte Gebäude mit Ritzen und Hohlräumen. Wildtiere, Pflanzen und Pilze hatten also Zeit, um einzuwandern, sich zu etablieren und ihre ökologische Nische zu besetzen», so Agneta Heuman. Der Cimetière des Rois in Genf zum Beispiel geht auf das 15. Jahrhundert zurück, der Friedhof Bremgarten in Bern wurde 1865 eröffnet, der Friedhof Feldli in St. Gallen 1874, der Friedhof Sihlfeld in Zürich 1877, der Friedhof im Friedental in Luzern 1885, der Cimitero monumentale in Lugano (TI) 1899 und der Friedhof Boix-de-Vaud in Lausanne 1922.

Die Rolle des Menschen

Zum einen trägt die Natur zur Biodiversität bei, zum anderen jedoch auch der Mensch. «Wir fördern Biodiversität gezielt durch die Pflege. Rund dreissig Prozent der Flächen von Zürichs Friedhöfen sind bereits artenreiche Blumenwiesen oder werden gerade umgestellt. Ehemalige Rasenflächen werden extensiver bewirtschaftet, damit sie Lebensraum für Insekten, Vögel und Kleintiere bieten», sagt Stefan Brunner. Weitere Massnahmen seien weniger häufiges Mähen, der Erhalt von Altbäumen und Totholz, der Verzicht auf Pestizide, das Anlegen von Wildhecken, die Rücksichtnahme auf Brutzeiten sowie ein naturnahes Regenwassermanagement.

Nicht viel anders sieht es in Basel aus. «Es ist eine sehr wichtige Aufgabe der Stadtgärtnerei, die Friedhöfe als Lebensraum und Rückzugsgebiet für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten zu sichern», erzählt Emanuel Trueb. «Grosse Gebiete des Friedhofs am Hörnli können für eine bestimmte Zeit als artenreiche Wiese angelegt und extensiv gepflegt werden, da sie als Beisetzungsflächen nicht sofort wieder beansprucht werden. Gleichzeitig ergreifen wir in den waldähnlichen Gebieten zahlreiche Massnahmen zur Artenförderung. Und wir bieten Vögeln und Fledermäusen Nisthilfen.»

Die Früchte der Arbeit

Belohnt werden die Anstrengungen mit einer grossen Biodiversität, die nicht nur Fachleute erfreut, sondern auch die Besucherinnen und Besucher der Friedhöfe. «Die Artenvielfalt ist beeindruckend. Dort leben unter anderem Wildbienen, Schmetterlinge, Heuschrecken, Reptilien wie Zauneidechsen, Igel und viele zum Teil seltene Vogelarten. Auf grossen Anlagen werden sogar Fuchs und Dachs beobachtet», erzählt Stefan Brunner. Er bringt noch einen Gesichtspunkt ins Spiel: «Die Zürcher Friedhöfe sind für die Tierwelt wichtig, weil sie über das ganze Stadtgebiet verteilt sind und deshalb ein Netz grüner Inseln bilden. Zusammen mit Parks, Gewässern und anderen Grün­flächen ermöglichen sie Wanderungen und Austausch zwischen Populationen. Gerade in einer wachsenden Stadt sind diese Verbindungen entscheidend für den Erhalt der Artenvielfalt.»

Sein Basler Kollege Emanuel Trueb macht dieselben Erfahrungen: «Es sind nahezu alle heimischen Säuger zu finden, mit Ausnahme von Hirschen und Wildschweinen. Bei den Vögeln verzeichnen wir dank der Lebensräume Wald, Flur und Garten eine ausserordentliche Artenvielfalt.»

Oasen der Dunkelheit

Es gibt auch noch einen weiteren wichtigen Aspekt: Friedhöfe sind nachts oftmals geschlossen und kaum oder gar nicht beleuchtet. Sie sind also Oasen der Dunkelheit, schwarze Flecke im hell erleuchteten Siedlungsgebiet. Und genau dieser Umstand macht sie zu dringend benötigten und hochgeschätzten Rückzugsgebieten. Agneta Heuman: «Von der Ruhe und der Ungestörtheit profitieren unter anderem nachtaktive Tiere wie der Dachs, Fledermäuse wie das Braune Langohr, der Braunbrustigel oder das Kleine Glühwürmchen.»

Friedhöfe sind also nicht nur das Reich der Toten, sondern vor allem auch Orte des Lebens. Eine Bereicherung für Mensch und Natur gleichermassen.

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