Home Termine / AktuellesAktuelles SELVA

AFOR-PARCO-Betriebsleiter Alessandro Zanoli startete mit einer einfachen mobilen Säge (Logosol B1001) ins Birken-Pilotprojekt. Fotos: M. Hauswirth

ZeitschriftenLesezeit 4 min.

Die Birke hat viel ungenutztes Potenzial als Konstruktionsholz

Alles begann mit einem Anruf und der Bestellung von 50 Kubikmetern Birkenbretter: AFOR-PARCO bei Locarno kombinierte sofort mit einem aktuellen Holzschlag. Was in diesem Jahr noch unter Pilotprojekt läuft, könnte bald einen Beitrag zur Deckung des landesweiten Holzbedarfes leisten.

Mischa Hauswirth | Der Baum fällt wunschgemäss im steilen Gelände des Val Resa oberhalb von Tenero. Forstwart Brian entastet die gegen 80 Jahre alte Birke gar nicht erst, sondern wird den gesamten Baum gleich ans Transportseil des Helikopters hängen. Dieser fliegt den laublosen Baum über die Wipfel des ehemaligen Kastanien-Niederwaldes und das enge Tal zum Sammelplatz. «Aus diesem Gebiet hier entnehmen wir die Birken, die wir dann unten bei uns auf dem Werkgelände zu Brettern weiterverarbeiten», sagt Rudi Martini, stellvertretender Leiter des selbstständigen Tessiner Forstbetriebes AFOR-PARCO. «Wir möchten zeigen, dass die Birke gut als Nutzholz gebraucht werden kann.» Die Idee ist simpel: Eine wirtschaftlich bislang kaum beachtete Baumart soll mehr Wertschätzung erfahren. In Skandinavien hat die Birke schon lange einen anderen Stellenwert, und ganze Häuser werden aus dieser Baumart erstellt. Zumindest als Innenausbau- und Möbelholz hat dieses Holz zum Beispiel in Schweden eine lange Tradition.

Dass beim Wort Birke immer zuerst eine Nutzung als Brennholz gedacht werde, sei falsch, erklärt Martini. Die Birke brauche  mehr Wertschätzung. Von Försterinnen und Förstern ebenso wie vom holzverarbeitenden Sektor. Im Tessin stören sich Waldfachleute schon lange daran, dass das Birkenholz entweder im Wald zurückgelassen oder dann lediglich als Energiequelle verwendet wird. 

Einer, der das ändern möchten, ist Michele Wildhaber, Förster im Sektor Navegna und zuständig für den Wald im Val Resa. «Als mein Sohn, Forstwart und Architekt, mich fragte, wo er 50 Kubikmeter geschnittene Birkenbretter für den Innenausbau seines Hauses herbekomme, haben ich davon AFOR-PARCO erzählt. Und sie haben rasch kombiniert und reagiert», 
sagt Wildhaber.

Sie, das sind Alessandro Zanoli sowie Rudi Martini. Zusammen führen sie das als AG eingetragene Forstbetriebsunternehmen AFOR-PARCO (vergleiche Box Seite 9). Als Zanoli und Martini vom Holzschlag im Val Resa erfahren haben, wollten sie die Chance nutzen und bewarben sich um die Ausführung. Die meisten Birken an dieser Hügelflanke weisen ein Alter von etwa 70 bis 80 Jahren auf. Eigentlich schon fast zu alt. Aber sie sind auf den trockenen, mageren Böden langsam gewachsen und verfügen deshalb über enge Jahrringe. Hier, oberhalb von Tenero, stehen die Birken in einem alten Niederwald, der vor allem aus Edelkastanie und Buche besteht, in dem aber auch Eiche, Winterlinde und etwas Esche wachsen.

Im rund 108 Hektar umfassenden Gebiet fallen auf fünf Jahre verteilt 5100 Kubikmeter an. 30% sind Birken, der Rest besteht vor allem aus Edelkastanienholz, aber auch noch Lärche, Fichte, Buche und anderen Laubhölzern.

Fokus auf Nutzung von Betula pendula

Da im Kanton die Vergabe von Holzschlägen öffentlich ausgeschrieben werden muss, bewarb sich AFOR-PARCO um den Auftrag. Mit dem Holzerlös allein lässt sich aber der Aufwand nicht decken. Denn: Das Gelände ist steil, und die Erschliessung beschränkt sich auf eine enge, asphaltierte Strasse, die sich im Talgrund neben einem Bach hochschlängelt. Auf einem Lagerplatz in der Nähe eines Grottos müssen zwei Forstwarte die Stämme, die der Helikopter in sehr kurzen Intervallen bringt, nach Qualität sortieren. «Wir stapeln auf der einen Seite das Hackholz, auf der anderen Seite Qualitätsstämme oder Bauholz», sagt Martini. 

AFOR-PARCO braucht auch Kastanienholz, beispielsweise für Holzkästen, Schwellen und Pfähle und hin und wieder für den Bau von Kinderspielplätzen. Doch in diesem Winter richtete sich der Fokus vor allem auf die Birke. Gebraucht werden Stämme von 
25 Zentimetern Zopfdurchmesser, was auch einem gewissen Pragmatismus entspringt. Denn natürlich wären dickere Kaliber willkommen, doch Durchmesser von 50 bis zu 60 Zentimetern sind die Ausnahme. «Wir sind an schönen Stämmen von zwei bis fünf Metern Länge interessiert», sagt Martini.

Eine Sache erschwert allerdings die Nutzholzausbeute: Nicht selten sind die untersten Meter des Stammes drehwüchsig, oder der Stammfussbereich ist von Fäulnis betroffen. Grund ist wohl ein Waldbrand, der in den 1970er-Jahren auf dieser Fläche gewütet und dabei  einen bedeutetenden Teil der Birken verletzt hatte. Auch die ehemalige Beweidung des Gebietes durch die Tiere der Bewohner der winzigen Rustici könnte ein Grund sein. Wildhabers Erfahrung jedenfalls ist, dass viele Birken in diesem Gebiet im unteren Bereich über- oder eingewachsene Verletzungen an Stamm und Wurzeln aufweisen. Das ist aber nicht nur negativ. Denn teilweise weist das gesägte Birkenholz dadurch eine ansprechende, dunklere Verfärbung auf (vergleiche Foto S. 8), was gerade im Innenausbau einen gesuchten Kontrast zum flächigen Weiss bieten kann, für das Birkenholz bekannt ist.

Eingriff nur dank Subventionen

Wildhaber hat schon beim Anzeichnen der Durchforstung die Edelkastanien so markiert, dass klar ist: Fällkerbe und Fällschnitt können im Bereich von ca. einem Meter über Boden angebracht werden. «Die so zurückbleibenden verlängerten Stöcke nehmen eine Doppelfunktion wahr: Zum einen verleihen sie dem Wald bis zu ihrem Verrotten und zum Nachwachsen der Verjüngung mehr Struktur, weil etwa Äste und Steine sich dahinter sammeln können. Zum anderen erhöhen wir so den Totholzanteil in diesem Waldstück», sagt Wildhaber. 

Er beobachte, dass Spechte gerne solche erhöhten Baumstöcke für die Futtersuche benutzen. Und auch der an sich rare und auf toten Birken wachsende Birkenporling ist in diesem Wald anzutreffen, weil er 
die abgestorbenen Baumindividuen besiedeln kann.

Aufgrund der Topografie, der Lage des Holzschlages und des Helikoptereinsatzes ist mit dem Holzerlös keine Kostendeckung möglich. Die öffentliche Hand kommt in einem Schutzwaldgebiet wie diesem via Subventionen für das Defizit auf. Der Kanton Tessin vergibt die Holzschläge in einer Art Punktesystem: Damit ein Forstunternehmen einen Zuschlag erhält, zählt nicht nur der Preis, den das Unternehmen offeriert. Die Devise lautet nicht, wer am wenigsten kostet,  darf mit Motorsäge und Forstmaschine auffahren. Genauso entscheidend wie die Kosten sind andere Faktoren, etwa wie viele einheimische Fachkräfte im Unternehmen beschäftigt sind und ob beispielsweise Lehrlinge ausgebildet werden. Nur wer diese Kriterien erfüllt, kommt in die engere Wahl der Bewerber.

Mit einem solchen System will der Kanton Tessin verhindern, dass sich Unternehmer die Aufträge schnappen, die ihre Angestellten für Dumpinglöhne beschäftigen oder über Mitarbeiter ohne  die nötigen fachlichen Qualfikationen verfügen. Denn wie überall im Land verlangen die Försterinnen und Förster auch im Tessin waldschonendes Arbeiten und faire Arbeitsbedingungen.

Doch ohne Defizit geht auch dieser Holzschlag nicht, wie Martini vorrechnet: Die Kosten liegen für Holzerei, Verarbeitung und Transport zwischen 150 und 200 Franken pro Kubikmeter. Der zu erwartende Holzerlös liegt pro Kubikmeter im Schnitt unter 80 Franken.

Alpensüdseite mit hoher Birkendichte

Wer sich gerade im Winter die bewaldeten Hänge im Tessin ansieht, erkennt sofort: Die Birke ist gebietsweise eine häufige Baumart. Die weissen Stämme leuchten wie dünne Marmorsäulen an den zerklüfteten Felshängen. Aber auch im Gebiet, das leichter für eine Nutzung erschlossen werden könnte, ist die Birke nicht zu übersehen.

Ein Blick auf die Karte des Landesforstinventars 1983 bis 2023 zeigt dann auch, dass in keiner anderen Landesregion mehr Birken vorkommen als im Südkanton: Während der Stammzahlanteil der Birke im Jura bei 0,4% liegt und in den Alpen bei 1,7%, hat die Alpensüdseite 9,6%. 

Aber nicht nur die Verbreitung spricht für mehr Birkennutzung. «Die Birke hat ein grosses, bisher zu wenig genutztes oder unterschätztes Potenzial in waldbaulicher Hinsicht zur Wiederbewaldung von geschädigten Flächen und zur Anpassung des Waldes an den Klimawandel», sagt Bruno Röösli, Leiter Abteilung Wald im Kanton Luzern. «Als Pionierbaumart verfügt sie über eine grosse Standorts- und Klimatoleranz und ist in der Jugendphase schnellwachsend.» 

Röösli hebt eine Fähigkeit der Birke hervor, die auch für Wildhaber bei der Durchforstung im Val Resa sehr wichtig ist: Die Birke sorgt rasch für ein ausgeglichenes Mikroklima im Bestand, verbessert die Bodenaktivität und lässt in ihrem Schutz die klassischen Hauptbaumarten besser gedeihen. Die Birke, so Wildhaber, wachse dort besonders gut, wo der Wald besonders licht ist.

Röösli sieht das waldbauliche Potenzial der Birke in einer Art «Zwischennutzung», wie er sagt. Im Schatten der Birke können andere, schattentolerantere Baumarten wie die Buche aufwachsen, und die Birke sei bereits nach 50 bis 60 Jahren für die Nutzung bereit, so Röösli. 

Wo die Birke sich nicht natürlich verjüngt, lässt sie sich in Form von Saat oder mittels Pflanzung einbringen. Wildhaber lässt gezielt Birkenbäume im Bestand stehen, einerseits damit der Wald nicht komplett seiner Struktur beraubt wird, andererseits damit die Naturverjüngung über Samen gewährleistet ist. Ziel: Die Birke soll weiterhin im Val Resa vorkommen, auch wenn die Buche keinerlei Schwierigkeiten mit der Trockenheit hat. «Wir haben hier eine Provenienz, die gut mit den trocken-heissen Sommerbedingungen klarkommt», sagt Wildhaber. Er möchte Forstfachleute nördlich der Alpen auf diese Tessiner Provenienz hinweisen, weil diese Buchen sehr resistent sind.

Wildhaber wie Bruno Röösli sind sich in einem Punkt einig: Neben den Birken dürfen das wirtschaftliche Potenzial und die Vorteile für die Anpassung an den Klimawandel und den Klimaschutz auch bei Aspen nicht unterschätzt werden (vergleiche «Wald und Holz» 07/2022).

Auch für Brettschichtholz geeignet

Bereits weiter bei der Nutzung von Birkenholz im Konstruktionssektor ist das österreichische Unternehmen Hasslacher Norica Timber (www.hasslacher.com). In Latzendorf bei Stall im Mölltal wurde beispielsweise 2015 aus Birken-Brettschichtholz eine Fachwerkkonstruktion errichtet. Gemäss Hasslacher handelt es sich dabei um eine im Lärmschutzbauwerk konzipierte Lagerhalle. Überdacht ist eine Fläche von rund tausend Quadratmetern. «Die grösste freie Spannweite von 27 Metern wird mit einem rund 3 Meter hohen Fachwerk aus Brettschichtholz der Holzart Birke überspannt», so Hasslacher. Das österreichische Holzbauunternehmen sieht mehrere Vorteile in der Verwendung von Birkenholz:

- ansprechende Optik,

- schlanke Trägerdimensionen,

- bis zu 200% höhere mechanische Eigenschaften als Fichte,

- Volumenersparnis in der Konstruktion.

Als Anwendungsgebiete von Birkennutzholz nennt Hasslacher:

- Träger und Trägersysteme;

- geeignetes Holz bei hoher Querdruckbeanspruchung;

- Ingenieurholzkonstruktionen mit grossen Spannweiten und hohen Belastungen;

- Fachwerkkonstruktionen und

- Oberfläche.

Der Ansatz, dem Birkenholz durch eine Nutzungserweiterung mehr Wert zu verleihen,  macht diese Baumart für Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer interessant. Es gibt einen weiteren Aspekt, den es zu beachten gilt und auf den Experten wie Röösli hinweisen. «Das rasche Holzwachstum der Birke verbessert auch die CO2-Speicherung», sagt Röösli. «Die vermehrte Berücksichtigung der Birke erfüllt somit die Anforderungen der Additionalität einer CO2-optimierten Waldbewirtschaftung mit Blick auf eine mögliche Inwertsetzung der Waldsenkenleistung.»

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? In der Zeitschrift "Wald und Holz" finden Sie den gesamten Artikel sowie zahlreiche weitere lesenswerte Artikel.

Wald und Holz jetzt abonnieren

 

AFOR-PARCO WILL BIRKENNUTZUNG VORANTREIBEN

Die Idee, durch eine Sägerei das eigene Produkteangebot zu erweitern und dadurch eine Einnahmequelle zu schaffen, kam AFOR-PARCO erstmals, als der Betrieb Anfragen für rustikale Tische und Bänke erhielt. Das Ziel war von Anfang an dem Holz aus dem eigenen Betrieb mehr Wert zu verleihen. 

AFOR-PARCO möchte die Birkennutzung nun ausbauen und sucht deshalb neue Absatzmöglichkeiten und auch Kooperationen mit Holzbauunternehmen oder Schreinereien. «Wir wissen, dass wir erst am Anfang stehen, aber die Birke ist für uns die ideale Baumart, um das Angebot von Schnittholzprodukten weiter auszubauen», sagt Alessandro Zanoli, Betriebsleiter von AFOR-PARCO. Die Firma ging aus dem Forstbetrieb der Tessiner Gemeinde Gambarogno hervor und ist heute eine AG, an der neben der Bürgergemeinde auch private Aktionäre beteiligt sind. In dem Betrieb arbeiten elf Personen, darunter zehn Mitarbeiter mit forstlicher Ausbildung. An der Betriebsspitze steht neben Zanoli auch Forstingenieur Rudi Martini. AFOR-PARCO übernimmt  gemäss eigenen Angaben die gesamte Palette von Arbeiten im Wald, sei es Schlagplanung, Holzerei oder Holzverkauf, Pflanzungen, aber auch Arbeiten wie Strassenunterhalt, Hecken- und Biotoppflege oder Aufgaben im Bauwesen wie das Errichten von Holzkästen für die Hangstabilisierung. Auch der Unterhalt von Wanderwegen sowie Garten- und Spezialholzerei gehören zum Betätigungsfeld.

AFOR-PARCO baut auch Spielplätze aus regionalem Kastanienholz oder übernimmt die Herstellung von Tischen und Bänken.

 

Mehr Infos über das Birkennutzungsprojekt erhalten Sie unter: 
www.aforparco.ch

oder info@aforparco.ch

 

ähnliche News aus dem Wald